Hallo hallo, als ich heute bei meiner Therapeutin war, hat sie mir die Nachricht überbracht, dass der Fonds für Opfer sexuellen Missbrauchs rückwirkend eingestellt wurde. Anträge, die ab dem 19.03.25 dort eingegangen sind, werden nicht mehr bearbeitet. Die Mittel fehlen. Mein Antrag wurde am 21.05.25 verschickt.
Ich frage mich, wann diese ganze Tirade endlich vorbei sein soll. Ich habe mich überwunden, diesen Antrag zu schreiben. Ich habe das erste Mal von meinem Trauma in Gänze sprechen müssen, um diesen Antrag zu stellen. Ich hatte Hoffnung, dass ich so vielleicht zusätzliche Therapiesitzungen wahrnehmen, wenn meine Krankenversicherung nicht mehr greift. Ich hatte einmal in meinem Leben die Hoffnung, dass das System nicht wegschaut.
Und nun sitze ich hier - 20 Jahre alt, 7 verschiedene Psycho-Diagnosen (die wir wohlbemerkt alle noch nicht angehen konnten, weil ich so instabil war), vollkommen am Boden, noch 16,5 Therapiestunden übrig. Wieder einmal wurde mir das Vertrauen in ein System zerstört, dass sowieso Leute wie mich gekonnt ignoriert. Leute, die schwerwiegende Traumata haben, es aber erst nach Jahren gemerkt haben. Leute, für die Psychotherapie kein Luxus sondern eine reine Maßnahme zur Überlebenssicherung ist. Leute, die sich diese Überlebensmaßnahmen nicht mal eben so selber leisten können.
Klar, angeblich soll es zum 01.01.26 eine neue Hilfe geben. Aber wie viele Menschen müssen bis dahin vor die Hunde gehen, bis der Staat merkt, dass er eine fatale Entscheidung getroffen hat? Und vor allem: Wann hört es endlich auf, dass psychisch kranke gefühlt einen Mount Everest eine Millionen mal besteigen müssen, bis sie endlich die Hilfe bekommen, die sie brauchen, um zu heilen.
Es ist untertrieben, wenn ich sage, dass ich mich diesem System komplett ausgeliefert fühle, aber ich finde keine anderen Worte mehr dafür. Ich glaube, es merkt niemand, wie sehr es einen erschüttern kann, diese Art der Auslieferung zu erfahren.
Hallo jojolina,
das Du wirklich jetzt Pech hattest und die Einstellung der Gelder skandalös ist, steht außer Frage. Jetzt neige ich aber dazu, nach praktischen Lösungen zu suchen. Auch wenn es mega nervig ist und Du nochmal anfangen müsstest (allerdings nicht bei 0, denn die bisherigen Erfahrungen und Erfolge haben ja stattgefunden): Was wäre, wenn Du Dich via Krankenkasse nochmal um einen Therapieplatz kümmerst? Vielleicht mit einer Überbrückung hier in der Einzelberatung oder in einer Beratungsstelle vor Ort? Das wäre sicher anstrengend und alles andere als easy. Aber dennoch machbar?
Ich habe natürlich gelesen, dass Deine Krankenversicherung Stress macht, aber jetzt ist ja eine neue Situation eingetreten und Deine bisherige Therapeutin könnte Dir vielleicht bei der Beantragung helfen?
Viele Grüße,
bke-Stephan
Danke, Lorenz, für deine Antwort. Wenn ich ehrlich bin, waren meine Therapeutin und ich von dieser Information überfordert.
Sie meinte zwar, dass ich ihr vertrauen soll, dass sie sich bemühen wird, eine Lösung zu finden. Sie konnte mir natürlich noch nichts versprechen. Ich kann darauf irgendwie so gar nicht vertrauen - das mag wohl aus meiner Vergangenheit kommen. Innerlich bereite mich auf das absolute Worst-Case-Szenario vor, dass ich nach Beendigung der Langzeittherapie wieder komplett alleine dastehe.
Diese Nachricht war vor dem Hintergrund der letzten Wochen - akute Depressionen mit krisenhafter Entwicklung - einfach zu viel. Es fällt mir schwer, da nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Es fühlt sich an, als würde mir mit jeder schlechten Nachricht, die ich in den letzten Wochen nur zuhauf erhalten habe, ein Stück meiner (ohnehin schon wenig vorhandenen) Perspektive geraubt werden.
Ich hatte gehofft, durch den Fonds wenigstens erwas Sicherheit in diesem chaotischen Leben zu erhalten. Tja, der Drops ist jetzt wohl auch gelutscht.
Bezüglich eines Notfahrplans: den gibt es bis dato nicht - außer vielleicht ein plötzlicher Lottogewinn.
Also, wenn jemand von euch zufälligerweise eine Wunderpille hat, die dafür sorgt, dass ich in 16,5 Stunden geheilt und stabil bin - immer her damit!
Hallo Jojolina,
deine Zeilen machen sehr deutlich, was du -neben allem, was du bereits mitgemacht hast- jetzt aktuell durch den abgelehnten Antrag erlebst. Falsch, dein Antrag wurde nicht abgelehnt, er wurde gar nicht angenommen, weil die Möglichkeit, einen Antrag zu stellen, zurückgenommen bzw. bis 2026 ausgesetzt wurde. Krass. Natürlich kann ich nur versuchen mir vorzustellen oder zu erahnen, wie es dir mit dieser Zurückweisung ergeht. Dass du maximal frustriert bist und wahrscheinlich auch resigniert bist, ist nicht zu überlesen. Es tut mir leid, dass deine mit Sicherheit großen Anstrengungen und die viele Energie, die dich die Antragstellung gekostet hat, nicht anerkannt und honoriert wurden!
Deine Metapher oder dein Bild vom Mount Everest als höchstem Berg der Welt, den manche psychisch erkrankten Menschen erst erklimmen müssen, um die für sie passende Hilfe, also therapeutische oder psychiatrische Versorgung zu bekommen, ist sehr eindrücklich und bewegend.
Bestimmt hast du mit deiner Therapeutin bereits darüber gesprochen, wie du mit dieser einerseits Enttäuschung und andererseits dem ganz praktisch bald entstehenden Mangel am therapeutischer Unterstützung bzw. der Lücke umgehen kannst. Ich hoffe sehr, ihr konntet eine Art Notfahrplan erstellen! Wäre es eine Option, den Antrag und die viele in ihn gesteckte Energie und Kraft irgendwie zu sichern oder zu konservieren, sodass nicht die ganze Mühe in der Enttäuschung versickert? Vielleicht auch mit Blick auf das Jahr 2026, wenn hoffentlich wieder Anträge zugelassen und berücksichtigt werden?
Mir bleibt nicht mehr, als dir von ganzem Herzen zu wünschen, dass dir deine großen Bemühungen, die du auf dich genommen hast, dennoch ein wenig helfen und überbrücken können, bis weitere Unterstützung möglich wird!
Viele Grüße schickt dir
bke-Lorenz